Gollnick Data Solutions LogoGollnick Data
Zurück zum Blog

Coding Agents – Eine neue Ära in der Softwareentwicklung

Bert Gollnick · Gollnick Data Solutions

Ein Entwickler sitzt vor einem schwierigen Problem. Anstatt im Internet nach ähnlichen Problemen zu recherchieren, um auf der Basis eine Lösung zu erarbeiten, fragt er seinen Agenten und der Agent macht sich an die Arbeit. Der Entwickler kann sich in Ruhe einen Kaffee machen und sobald er von der Küche zurückkommt, ist das Problem gelöst. Das ist kein SciFi, sondern Anfang 2026 oftmals Realität. Kann man da noch von Programmieren sprechen?

Der Weg zum autonomen Coding Agent

Noch vor wenigen Jahren war Auto-Completion ein großer Fortschritt. Bei jeder Codezeile bekam der Nutzer Vorschläge, wie diese und die nächsten Zeilen aussehen könnten. Später konnte man sich mit Inline-Completion den Code mehrerer Zeilen überarbeiten lassen. Heutige Coding-Agenten-Systeme können die gesamte Codebasis verstehen und überarbeiten.

Coding Agents sind KI-Systeme, die eigenständig Code schreiben, debuggen, und umschreiben (refactoren) können. Sie können nicht nur einzelne Zeilen schreiben, sondern ganze Features implementieren. Dafür nutzen sie den Zugriff auf die gesamte Codebasis und nicht nur den aktuellen Cursor-Kontext.

Spezialisierte Systeme richten sich an verschiedene Nutzer

Dabei kann man zwischen verschiedenen Systemen unterscheiden. Einige richten sich explizit an Nicht-Programmierer und lassen sich rein über den Browser bedienen. Bei Replit oder Lovable lassen sich Programme über reines Prompting erstellen.

Ähnlich funktionieren Junie oder Jules. In beiden Fällen kann man ein GitHub-Repository integrieren und die Systeme erstellen Programmcode direkt im Repository.

An klassische Programmierer richten sich Agenten, die direkt in die integrierte Programmieroberfläche eingebettet sind, wie zum Beispiel Cursor, Google's Antigravity, oder Windsurf.

Man muss sich aber nicht an bestimmte Programmieroberflächen binden, sondern kann Claude Code, Gemini CLI oder OpenAI Codex über die Kommandozeile ausführen.

Woher kommt diese Entwicklung und wird Programmieren überflüssig?

Diese Entwicklung ist natürlich eng verbunden mit dem Durchbruch großer Sprachmodelle wie Claude Opus 4.5, OpenAI GPT-5, oder Google's Gemini 3. Diese Systeme haben einen sprunghaften Anstieg im Verständnis und der Generierung von Code gezeigt und können mittlerweile von jedem genutzt werden.

Für Entwickler heißt das, dass mit dem sogenannten “Vibe Coding” ein Paradigmenwechsel stattfindet. Weg vom Schreiben einzelner Codezeilen und stattdessen hin zum Orchestrieren von Code in dessen Einbettung in ein Gesamtsystem. Klassische Programmierer sollten immer noch die Syntax kennen und den Code in der Gänze verstehen und prüfen, anstatt ihn ungesehen zu übernehmen. Aber der Trend geht hin zum Architekten, der das Gesamtsystem im Blick hat. Programme werden durch natürliche Sprache anstatt nur durch Programmiersprache gebaut. Es findet ein Demokratisierungsprozess statt, da nicht nur eine kleine Tech-Elite in der Lage ist Code zu schreiben, sondern auch Nicht-Entwickler.

Wo stehen wir derzeit und was ist in der Zukunft zu erwarten?

Aktuell nutzt bereits die Mehrheit der Programmierer KI-Coding-Tools. Aber nur knapp die Hälfte aller Entwickler nutzen vollwertige Coding Agenten.

“Vibe Coder”, die komplette Applikationen auf Basis von Prompting erstellen, sorgen bei Anbietern wie Vercel oder Netlify, welche solche Applikationen Nutzern über das Internet zur Verfügung stellen, für sprunghafte Zuwächse.

Daraus sollte man aber nicht schließen, dass Agentic Coding nur ein Thema für Anfänger ist. Bereits im April 2025 berichtete Satya Nadella, dass KI 30% des Codes bei Microsoft erzeugt. Ähnliches wird von Salesforce berichtet. Boris Cherny, einer der Entwickler hinter Claude Code, berichtet dass innerhalb der letzten 30 Tage 100% seiner Code-Beiträge von Claude geschrieben wurden.

Für klassische Entwickler heißt das, dass neue Fähigkeiten erlernt werden müssen. Prompt Engineering und der sichere Umgang mit Coding-Agents sind essentielle Fähigkeiten, die beherrscht werden müssen.

Wie gut die Modelle sind

In den letzten Jahren sind die Coding-Agents massiv besser geworden. Solange sie nur Code-Schnipsel bereitstellen konnten, waren sie eine kleine Zeitersparnis, aber stellten noch keine ernsthafte Bedrohung für Programmierer dar. Aber irgendwann in den letzten zwei Jahren wurden sie besser als Junior-Entwickler und reduzieren deren Chancen auf einen Job-Einstieg. Nun, Anfang 2026, haben sich die Systeme so stark weiterentwickelt, dass oft auch Senior-Entwickler übertroffen werden. Und es ist nicht damit zu rechnen, dass sie in ihrer Entwicklung stehenbleiben.

Zukünftige Entwicklung

Die Landschaft der Coding Agents hat sich in verschiedene Architektur-Paradigmen ausdifferenziert, die jeweils unterschiedliche Use-Cases adressieren und verschiedene Trade-offs zwischen Kontrolle, Komplexität und Autonomie bieten.

Der klassische Ansatz bleibt der direkte Dialog zwischen Entwickler und einem einzelnen Coding Agent. Hierfür können Tools wie GitHub Copilot, Cursor oder auch Claude Code verwendet werden. Der Entwickler gibt einen Prompt ein, woraufhin der Agent Code generiert, welchen dann wiederum der Entwickler reviewt und akzeptiert oder verwirft. Diese Architektur dominiert bei der täglichen Nutzung, weil sie einfach, transparent und relativ deterministisch ist. Der Entwickler behält die volle Kontrolle, kann jeden Schritt nachvollziehen und entscheidet dann selbst über die Integration. Der Nachteil bei dem Ansatz ist, dass es bei komplexen Aufgaben schnell repetitiv wird – der Entwickler muss den Agenten durch jeden Teilschritt führen.

Die nächste Generation nutzt spezialisierte Sub-Agents, die parallel oder sequentiell verschiedene Teilaufgaben übernehmen. Hier orchestriert der Nutzer nicht mehr den einen Allzweck-Coding-Agent, sondern dirigiert eine Gruppe von Experten. Zum Beispiel kann ein Sub-Agent sich auf die Backend-Logik, ein anderer auf die Frontend-Logik konzentrieren. Der Vorteil liegt in der Spezialisierung: Jeder Sub-Agent nutzt seinen eigenen Kontext für seinen Bereich, was die Code-Qualität erhöht.

Der neueste Ansatz sind Multi-Agent-Teams mit hierarchischer Struktur. Der Entwickler interagiert mit dem Teamlead-Agenten, der die Anforderungen in Teilaufgaben zerlegt und an spezialisierte Sub-Agents delegiert. Diese können auch untereinander kommunizieren und sich gegenseitig ihre Ergebnisse reviewen. Diese Architektur verspricht maximale Produktivität: Der Entwickler orchestriert nicht mehr Code, sondern allgemeinere Anforderungen.

Der Ansatz kommt aber nicht ohne Risiken, denn KI-generierter Code enthält häufig Sicherheitslücken. An einer Überprüfung des durch KI generierten Codes führt also kein Weg vorbei. Dazu kommt, dass neben oftmals hohen Zeitersparnissen auch gegenteilige Studien existieren, die einen Rückgang der Effizienz ermittelt haben.

In der Realität kommen häufig hybride Ansätze zum Einsatz, wobei einfache Coding Agents für Routine-Aufgaben, Sub-Agents für die strukturierte Einzel-Entwicklung von Features, und Agent Teams für die gleichzeitige Entwicklung mehrerer Features eingesetzt werden.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass Coding Agents im Mainstream angekommen sind, aber kein Allheilmittel darstellen. Sie können den individuellen Output steigern, bringen aber ihre eigenen Probleme mit.

Jedem Entwickler, der noch keine Erfahrungen mit solchen Systemen gewonnen hat, kann ich nur ans Herz legen, sich damit zu befassen. Denn genau wie für KI im Allgemeinen gilt auch hier: sie sind gekommen, um zu bleiben und den Bereich grundlegend zu verändern.